Hauptstadtnebel

Einen Fuß vor den anderen. Immer einen Fuß vor den anderen. Was davor war, ist unwichtig. Jetzt heißt es nur noch: Einen Fuß vor den anderen.

Was kommt, ist fast genauso unwichtig. Das Grau ist nicht weit weg. Ist fast ein Weiß, aber nicht ganz.

Viel ist nicht zu sehen, links die breite Straße, den Bordstein daneben, den Handbreit Rasen zwischen ihm und dem Gehweg, auf der rechten Seite wieder ein schmaler Streifen Gras, dann das Geländer. Dahinter, geradeaus Leere bis zum Grau, darunter die Autobahn, ebenso leer.

Stille, greifbar wie das braunrote Gitter. Nur Schritte, tonlos, klappend. Und Rauschen. Mehr und mehr Rauschen. Autos. Unten.

Endlich Veränderung. Von Unten gleitet mit jedem Schritt ein Teil der Straße höher, biegt sich hinauf. Grelles, rotes Licht. Eben war die Ampel noch in Grau getaucht, nun steht sie stur da und schreit Rot.

Das Rauschen ist lauter geworden. War das ein Luftzug? Unnachgiebiges Rot. Kein Zeitgefühl. Dreißig Sekunden? Zehn Minuten? Zwanzig?

Einen Fuß vor den anderen!

Deadman – 4

Das Land um ihn war karg, mehr tot als lebendig. Graue Staubschleier kräuselten sich auf trockenem, gleichsam grauen Boden. Nur selten unterbrach dass versteinernde Skelett eines toten Baums den ermüdenden Blick über die leere Ebene, die sich in alle Himmelsrichtungen erstreckte. Draven Belmont, der Drachenjäger, ließ seinen Rappen in einen Trab beschleunigen. Er wusste, dass das Tier ein höheres Tempo nicht mehr lange durchstehen würde, doch seine Mission war zu wichtig, als dass er darauf Rücksicht nehmen konnte. noch einmal drückte er die Hacken seiner schuppengepanzerten Stiefel in die Seiten des Pferdes. der Galopp ließ den Staub hinter ihnen wie eine aschefarbene Wand aufsteigen. Dravens Umhang wehte im aufkommenden Gegenwind und der raue Atem des Gauls übertönte kurz seine Gedanken. Der Blick des Jägers senkte sich, prüfte das Pulsieren des Steins.

Ein Relikt aus den Zeiten Emahels und Rogards, den Gründern des Drachenjägerordens. Die Legende besagt, dass alle Suchersteine Splitter des versteinerten Herzens des, vom Erzengel Michael erlegten, großen Urdrachens waren. Sie glommen stets in einem finsteren Rot, doch in der Nähe eines Drachen, begannen sie aufzuleuchten, die Farbe zu verändern, manchmal vibrierten sie sogar. Es hatte Jahrhunderte, und unzählige Leben, die der Drachen, wie auch die ihrer Jäger, gekostet, bis der Orden zusammengetragen hatte, wie die Symptome des Steins gelesen werden mussten. Wenn man es erst einmal wusste, war es  gar nicht so schwer.

Wyvern, die geflügelte Gattung der Drachen, mit einem Paar kräftiger Beine und Schwingen wie denen von Fledermäusen, einem langen Echsenschwanz, der sowohl zum Steuern als auch zur Verteidigung genutzt wurde, ließen den Stein in giftigem Grün erstrahlen, umso näher man dem Tier kam, umso intensiver wurde der Glanz. Auf großen Entfernungen konnte man sogar erkennen an welcher Ecke der Stein mehr leuchtete und so recht deutlich die Richtung bestimmen.

Lindwürmer, mehr riesige Schlangen, deren verkümmerte Gliedmaßen höchstens unvorsichtiger Beute gefährlich werden konnten, rangen dem Stein ein giftiges Gelb ab, das in kurzen, vibrierenden Stößen ein Zittern erzeugte. Hier war die Intensität des Zitterns ausschlaggebend. Wurde es schneller, stärker, kam man dem Untier näher. Einfach, wenn man es einmal wusste.

Dravens Stein, der in der Mitte seines schmalen Schildpanzers am rechten Unterarm eingearbeitet war, flackerte jedoch seit Wochen in einem so intensiven Rot, dass einem die Tränen kamen, sah man zu lange hin. Und er vibrierte. Kein Stakkato kurzer Zuckungen, nein, ein deutliches Pulsieren. Ein Schlagen. Bumm…Bumm,Bumm… Ein Herzschlag. Das unverkennbare Zeichen. Ein Bahamuth.

Die Bahamuth waren, bis es dem Ende zuging, die seltenste der drei Drachenrassen. mächtige Untiere, deren gehörnte Häupter auf muskelbepackten, haushohen Körpern thronten. Die Könige der Drachen, wie sie in alten Schriften oft hießen, waren ehrfurchtgebietend und grausam. In den wenigen festgehaltenen Berichten zu Jagden auf solch eine Bestie, war nicht selten zu lesen, dass es zumeist schon kleine Armeen kostete, um auch nur eins der Monstren zu erlegen.

Und hier war er nun, Draven Belmont, der letzte Drachenjäger auf der Jagd nach dem letzten Drachen, dem letzten Bahamuth.

 

In jungen Jahren hatte er schon einmal das Pochen des Bahamuthherzens im Stein vernommen. und nach tagelangem Aufstieg in einem fernen, fernen Gebirgszug ein Nest gefunden. Zwei Frische, vor weniger als einem Monat geschlüpft. Eins lag schlaff und leblos in dem stinkenden Nest aus morschen Ästen, Knochen und verrottenden Tierkadavern. Das andere war völlig ausgezehrt. Sie waren Zurückgelassene. Die Eltern entweder fort oder tot. Draven war vielleicht etwas zu jung, als dass die Altvorderen ihn hätten allein auf die Reise gehen lassen sollen. Doch er war so versessen darauf, diese Aufgabe für sich verbuchen zu können, dass er jeden Ratschlag, jede gut gemeinte Unterstützung, die ihm angeboten wurde, ausschlug und sich mit kaum mehr als seinem Speer und der Behelfsrüstung, die er zu diesen Zeiten noch trug, auf sein Ross schwang und in die Nacht ritt. Und nun stand er vor dem Nest, der pfeifende Atem des halbtoten Drachenjungen durchschnitt wieder und wieder die Stille auf der breiten Einkerbung im Hang. Er trat einen Schritt näher. Dass mehrschichtige Leder seiner Rüstung erzeugte bei der kurzen Bewegung einen schabenden Laut. Der Drache hob den Kopf. Nicht mehr, als ein paar Zentimeter, doch Draven fühlte, wie sich die schmalen, gelben Augen tief in die eigenen bohrten, dann spürte er einen Windhauch und Nässe auf seiner rechten Gesichtshälfte. Er stutzte, denn das Wetter konnte  selbst in solchen Höhen nicht so unerwartet umschwenken. Dann kam das Rot und der Schmerz.

Die Wunde war tief, sie lief vom Haaransatz über das nun gespaltene Lid bis fast hinab an seinen Mundwinkel. Ein einziger, pfeilschneller Hieb mit dem Flügel, an dessen Gelenk eine sichelförmige, messerscharfe Kralle saß und Draven verlor die Hälfte seines Sehvermögens. Der Schmerz ließ ihn taumeln, während ihm das Blut aus dem Riss Gesicht und Hals färbte und ihm in die Kleidung sog. Er hatte noch nicht einmal Zeit, sich in seiner Pein instinktiv an die Wunde zu greifen, als ein zweiter Windhauch an ihm vorüberzog. Die Zeit blieb einen Moment für ihn stehen und er konnte mit seinem unbeschädigten Auge in aller Pracht und bis ins letzte Detail erkennen, wie die Klaue des Flügels völlig mühelos, als trüge er nur ein Hemd aus billigem Leinen, durch die gehärtete Lederplatte seines Brustpanzers glitt, und darunter sein Fleisch teilte. So zog sie von seiner linken Schulter hinab an die rechte Seite seiner Hüfte und eine Flut roter Gischt folgte ihr den gesamten Weg. Diesmal kam der Schmerz schneller, ein grimmiges Brennen, als die soeben getrennten Seiten des Risses aneinanderrieben. Draven schrie grollend und kehlig auf, er vergaß alles, was er sein vorhergegangenes Leben lang über den Kampf mit Drachen gelernt hatte. Er sprang, nicht den tödlichen Untier entgegen, sondern seiner Ohnmacht davon. Er wusste, bliebe er noch einen Moment länger stehen, würde er umkippen und könnte vielleicht noch erstaunt mit anschauen, wie sich der Frische über seine Innereien hermachte. Daher sprang er mit ausgestreckten Händen auf die Kreatur zu, während vor ihm eine karmesinrote Wolke aus seinem  aufgeschlitzten Panzer stob. Glück war es, dass ihm an diesem Tag das Leben rettete. denn nun war er für einen wirksamen Angriff der flinken Schwingen zu nah, und für eine Attacke mit dem vernichtenden Feueratem war seine Beute, denn nun war es wieder Beute, noch zu klein. Es schnappte schwach, verbiss sich in der linken Schulterplatte, die Zähne drangen durch die zähen Lederschichten und gruben sich in sein Fleisch. Mit einem unterdrückten Schrei hob Draven gegen allen Schmerz die Arme, griff mit beiden Händen nach den noch kurzen Hörnern des Tieres und zog, drehte, riss. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis der Widerstand nachließ. Dann spürte er die aufkommende Schwäche im langen, von dicken Muskelsträngen getragenen Hals seines Gegners. Mit einem Ruck löste er nicht nur die dolchartigen Zähne aus seiner Schulter, sondern brach dem Drachenjungen in einer einzigen Bewegung das Genick. Ein kurzer knackender Laut, zu dumpf um einen Hall zu erzeugen, war der letzte Laut, den es in dieser Welt erzeugte. schon erschlaffte aller Widerstand, die Flügel klappten einfach zusammen und die geschlitzten Pupillen seiner Echsenaugen drehten sich nach oben.

Nur Dravens Hände hielten den Kopf nun noch aufrecht. Die lange, hornige Zunge, mit der sie den Funken für das Entzünden ihres Atems erzeugten, hing seitlich aus der länglichen Schnauze. Er wusste nicht, wie er die Kraft oder die Überwindung aufbrachte, sich nach dieser Anstrengung aus seiner zerfetzten Rüstung zu schälen, den Brennsack anzustechen, eine schropfartige Blase in der Kehle der Drachen, in der die brennbare Flüssigkeit lagerte, die seinen Atem so entzündlich machte. Unter Stöhnen und ungekannten Qualen rieb er sich dünne Linien der ätzenden Flüssigkeit über die offenen Wunden… das Zischen und der sauer aufsteigende Geruch, der ihn würgen ließ, verrieten ihm, dass er sich zumindest um Wundbrand keine Sorgen mehr machen musste. Nun war nur noch eines, dass er zu tun hatte.“Durchhalten“, brummte seine eigene Stimme irgendwo zwischen seinen Ohren und zischte ebenso durch seine zusammengepressten Zähne.“Durchhalten!“ Der Griff an die Zunge, das Suchen im aufgeklappten Maul nach der Stelle am Gaumen, der Funke, der den eingeriebenen Zweig entzündete… Draven setzte sich, lehnte sich mit dem Rücken an den noch warmen Leib des erschlagenen Tieres und presste die Füße fest gegen die Innenwand des Nestes. Er atmete flach ein und aus, hob den Zweig, sein Atem ging schneller und schneller, bis die züngelnde Flamme nur einen Fingerbreit vom Riss in seinem Gesicht entfernt war. Die abgesonderte Hitze reichte, ein gleißender Funke, entzündete das Sekret dort, wo es in der Wunde aufgetragen war und ebnete sich ihren Weg wie an einer Zündschnur über das geschlossene Lid und das darunterliegende, nutzlose Auge, bis an die Stirn. Es roch nach verbranntem Fleisch und eine dünne Rauchfahne schlängelte sich von seinem Gesicht in den düsteren Himmel. Draven gab nur ein Grunzen von sich, mehr aus Überraschung als aus Selbstbeherrschung, denn der Schmerz war so viel schlimmer, als dass ein Schrei ihm hätte gerecht werden können. Doch er war noch immer nicht am Ende angelangt, noch durfte er nicht die Besinnung verlieren, noch brauchte sein blutüberströmter Oberkörper die selbe Medizin. Diesmal brauchte er länger, sich zu überwinden, die Wunde war um ein vielfaches größer und vor allem länger, als die, die sein Antlitz nun für immer zieren würde. Doch sein Atem ging ruhig, er konzentrierte sich auf jeden Schwall Luft, den er in seine Lungen sog. Er setzte das fast heruntergebrannte Feuerchen an der Hüfte an, und lauschte dem erneuten Zischen, dass sich über seinen Bauch, die Brust, bis hoch an die Schulter zog und dafür fast eine Minute brauchte. „Zu viel!“, dachte Draven immer wieder, wie von Sinnen, während sich die gleißenden Flammen seinen Körper hinauffraßen. „Zu viel… es wird durch mich hindurchbrennen, wie durch ein Blatt Pergament!“ Doch das tat es nicht, und als das Licht erlosch, der Schmerz aber noch lange, lange anhielt, schwand ihm der Geist und er glitt in eine finstere Ohnmacht.

Deadman – 3

Seine Augen waren nicht mehr als dünne weiße Schlitze in der nasskalten Finsternis. Wasser stieß senkrecht aus den tief hängenden Wolken herab und hätte ihn frösteln lassen, hätte er sich die Zeit genommen, einen Gedanken daran zu verschwenden. Aber er stürzte einfach weiter durch den Matsch und die Pfützen, begleitet und angetrieben von seinem mechanisch pumpenden Atem. Immer in Richtung dieses einzelnen, haarsträubenden Schreis.

Die verwaschen graue Silhouette tauchte unvermittelt aus dem Regenschleier auf. Die Geräusche folgten. Ein kehliges Brummen, Schmatzen, Kauen, immer wieder als würden dicke Lagen nassen Stoffs reißen. Crowley stoppte hinter einem knorrigen Baum, der seinen breiten Stamm wie in Schmerzen erstarrt mal hierhin, mal dorthin in die Höhe reckte. Die Hände an der tief gefurchten Rinde des blattlosen Riesen schob er den Kopf vor und wusste nicht, was er von dem Anblick halten sollte, der sich ihm dort bot. Es waren eindeutig zwei Menschen, einer auf dem aufgeweichten Boden liegend, die Arme verkrampft um den anderen geschlungen, der sich kniend über ihn gebeugt hatte. Ein Blitz riss mit ohrenbetäubendem Krachen eine gleißende Schneise in den finsteren Himmel und… sah er das richtig? Die Pfützen um die beiden Gestalten herum waren hellrot im Schein der elektrischen Entladung.

Zögerlich traute sich Crowley aus seiner Deckung hervor. „Entschuldigung“…krächzte er und das schmerzende Kratzen zwang ihn zu einem ungesund klingendem Husten, der ihm durch Mark und Bein ging. „Entschuldigung“… sagte er noch einmal, diesmal befreiter und deutlich lauter, nachdem weder der Liegende, noch der Kauernde, der ihm den Rücken zugewandt hatte, auf ihn reagierten. Im grauen Licht des Unwetters zu dem das Nieseln angeschwollen war, ließen sich kaum Details ausmachen. Er war nun nah genug, um die Hand auszustrecken und die Schulter des vor ihm hockenden Mannes, soviel ließ sich ausmachen,zu berühren.

Der Fremde riss den Kopf herum. Crowley stolperte zurück. Das war kein Mensch. Zumindest nicht mehr. Erloschene, gelbliche Augen zuckten nutzlos und eingesunken in den tiefen Höhlen. Was einmal eine Nase und nun nicht viel mehr als zwei von verrottendem Fleich umgebene Schlitze waren, sonderte unaufhörlich irgendwelches dickflüssiges Sekret ab, das helle Spuren in die verwischten, roten Flecken um das nur noch von Fetzen von Lippen bedeckte, unvollständige Gebiss zog. Grunzend erhob sich das Ungeheuer, immer noch an den Resten seiner letzten Mahlzeit kauend, die jetzt regungslos unter ihm lag.

„Zombie“ schoss es Crowley durch den Kopf. Erinnerungsfetzen. Filme, Bücher. Eins seiner Lieblingsgenres.“Der Kopf!“ Er wusste, nicht, dass er wie ein Vollidiot grinste, als ihn die Erkenntnis ereilte. Seine Finger schlossen sich fest um den Stiel des Spatens. Noch im Zurückweichen schwang er das Arbeitsgerät im seitlichen Bogen hinauf an den Schädel der Kreatur. Mit einem klaren metallischen Klingen knallte die flache Seite des Spatenblatts auf die sofort reißende, abgestorbene Haut und den darunterliegenden, fast blanken Knochen. Der Zombie taumelte, verlor auf dem schlammigen Boden das Gleichgewicht und klatschte der Länge nach hin. „Verdammt“ zischte Crowley durch zusammengebissene Zähne, während sich der Untote schon wieder aufzurappeln begann. Eine Hand am Griff, den Stiel mit der anderen wiegend, drehte er den Spaten ein paar mal um die Längsachse, während er den zweiten Schlag abschätzte. Er schob einen Fuß langsam nach hinten, stabilisierte seine Position und holte mit beiden Händen am Stiel weit aus. Dem Zombie entfuhr ein letztes, überrascht klingendes Grunzen, als die messerscharfe Kante des Stahlblatts erst widerstandslos durch das weiche, fleckige Fleisch seines Halses fuhr und die darunterliegenden Wirbelknochen wie morsches Holz durchtrennte.

Tintenschwarze Flüssigkeit spritzte schnell versiegend aus den frischen Wunden, als der Kopf durch den gewonnen Schwung in Richtung eines kleinen Gebüsches flog und der Körper vor Crowley erst auf die Knie sank und dann einfach nach hinten über sein letztes Opfer fiel. Keuchend wischte er Fasern, Schleim und Knochensplitter, die ein unstetes Muster auf den Spaten zeichneten, am zerrissenen Hosenbein seines Kontrahenten ab. Er blieb seltsam ruhig. Immerhin hatte er gerade einem Menschen, oder zumindest menschenähnlichem Wesen den Kopf abgehackt. Einfach so. Und es ließ ihn völlig kalt. Selbst der ihm nun bewusst werdende Gestank nach Verwesung hinderte ihn nicht daran, den einen leblosen Körper von dem anderen ebenso unbeweglichen Leib zu zerren und regelrecht achtlos daneben liegen zu lassen. Das Opfer des Untoten hielt die Arme immer noch angewinkelt und die zu Krallen verkrampften Finger, als wolle er seinen Angreifer von sich zerren. Ein tiefer, grellroter Riss zog sich von der Stelle, wo vor nicht einmal 10 Minuten wohl noch ein Adamsapfel saß, in den Ausschnitt des aufgerissenen und von Wasser, Schlamm und Blut durchtränkten Flanellhemds  bis unter die, wie lange Knochenfinger aus der Wunde ragenden Rippen, die der Zombie mit roher Gewalt aufgebrochen und auseinandergedrückt haben musste. In den schleimig glänzenden Eingeweiden wimmelte es von Bissspuren und Rissen.

Mit seltsam kühler Neugier betrachtete Crowley das Werk des Monsters. Das einzige, was seine Aufmerksamkeit erregte, war die Mütze, die das in Schmerzen erstarrte Gesicht des armen Kerls verdeckte. Eine abgetragene Baseballkappe. Vor langer Zeit war sie sicher einmal dunkelblau, jetzt zierten die eingestickten Buchstaben über dem von Knicken und Brüchen durchzogenen Schirm  nur noch fleckig grauen Stoff. „C.C.C.“ stand da in breiten, hier und da schon etwas aufgedröselten Lettern. „Warum nicht“…murmelte er und griff nach der Kappe, zog sie von der Halbglatze des Toten und platzierte sie ungeniert auf seinem eigenen Schopf. Den Schirm tief ins Gesicht gezogen, hielt sie ihm wenigstens den Regen  aus den Augen.

Stumm richtete er sich wieder auf, schulterte den Spaten und ließ den Blick schweifen. Wieder war der Moment gekommen, sich zu entscheiden, in welche Richtung er gehen sollte. Wege waren nicht auszumachen. die Anordnung der Gräber ergab wenig bis gar keinen Sinn. „Nach Osten, denn im Osten lauert der Tod.“ murmelte er, als wäre ihm eine halbe Textstelle eines berühmten Werkes wieder eingefallen, dass er nun zitierte. Noch einen Moment grübelnd, wieso ihm dieser Satz so bekannt vorkam, lief er los, einfach geradeaus.

Deadman – 2

Crowley legte die Hand auf die  Klinke. Sie ließ sich mit einem schartigen Knarren herunter drücken. Mehr geschah nicht. Abgeschlossen. Er drückte noch einmal, als würde er nicht verstehen, warum die Tür sich nicht öffnen ließ. Und noch einmal. Immer heftiger riss und hebelte er, bis mit einem aufgeweichten Knacken das Stück Holz, welches den Schließmechanismus umgab, morsch und faserig aus der Wand brach. In dieser winzigen Hütte war es tatsächlich stockfinster. Trotz des Fensters, trotz der schiefen, sperrangelweit aufstehenden Tür, hinter die Schwelle verirrte sich kein Zentimeter des dämmrigen, grauen Abendlichts.

Zögerlich setze er den nackten Fuß in die Schatten. Seine Sohlen trafen auf kühlen, aber trockenen Stein. Zumindest Schutz vor dem immer weiter anschwellenden Regen bot dieser Unterschlupf. Crowleys restlicher Körper folgte, weiterhin seltsam angespannt und vorsichtig. Für einen Moment umgab ihn wieder vollständige Dunkelheit. Die Tür im Rücken wähnte er sich einen quälenden Augenblick zurück unter der Erde, eingesperrt, vergraben, vergessen. Da war sie wieder, die Panik, die ihm unaufhaltsam die Lungen füllte, ihm die Luft abdrücken wollte, doch auf halbem Wege stecken blieb. Er konnte sehen. Er konnte alles sehen. Er musste ein oder zweimal geblinzelt haben und nun schien es, als könnte er von hier die feine Staubschicht auf dem wackeligen Tischchen an der gegenüberliegenden Wand Korn für Korn sehen. Die ausgeblichene Maserung der Holzlatten. Die leeren Spinnennetze, die wie Fetzen von der Decke hingen und sich leicht in einem kaum spürbaren Luftzug wiegten.

Mit offenem Mund stand er dort, tropfnass, einen Schritt von der Tür entfernt und den Blick über jedes winzige Detail des spärlichen Raums fahren lassend. Viel mehr als Spinnweben, Holz und Staub schien der Schuppen nicht zu bieten, doch Crowleys Staunen über seine, ihm neue Nachtsichtigkeit hielt noch eine ganze Weile an. Er zog sogar die wackelige Tür hinter sich zu, die sich auch ohne Schloss so in ihrem Rahmen verkantete, dass sie geschlossen blieb, um zu sehen, ob es doch am Restlicht des Tages lag, dass ihm nichts hier drinnen entging. Auch nicht der metallene Spind, der in einer der Ecken seit Jahrzehnten vor sich hinrosten musste. Dessen Tür nur angelehnt war und durch deren Spalt man erkennen konnte, dass das ehemals grüne und jetzt fast durchgängig rotbraune Schränkchen nicht leer war. Neugier flammte auf.

Es brauchte etwas  Nachdruck, doch dann gaben die uralten Scharniere kreischend ihren Widerstand auf. Und sofort machte er einen Schatz in diesem nicht allzu sicheren Versteck aus. Ein klobiges Paar schwerer Schnürstiefel ruhte am Boden des Spindes und schien nur auf ein paar geschundene, eiskalte Füße zu warten. Wie sehr sie schmerzten, wurde ihm erst jetzt bewusst. Er ließ sich, Hintern voran auf den nackten Boden sinken und griff nach dem ersten Schuh. Mit Erleichterung stellte er fest, dass er passte. Etwas zu groß vielleicht, aber besser, als zu klein. Also folgte der zweite und von fast kindlicher Freude getrieben, lief Crowley die paar Schritte von der einen Wand des Schuppens zur anderen, drehte sich herum und wiederholte das ganze noch einmal. Mit einem breiten Grinsen blieb er stehen und blickte hinunter auf seine nun bedeckten Füße. Und sah sich nun auch zum ersten Mal den Rest seiner Kleidung an. Das weiße, durch die Nässe an ihm klebende Hemd, dass im Bund der schwarzen Anzughose steckte, die von einem einfachen Gürtel an seinem merklich ausgemergelten  Körper gehalten wurde.

Dadurch wieder an seine buchstäblich letzte Ruhestätte erinnert, erstarb das Grinsen auf seinen Lippen. Die Neugier auf den restlichen Inhalt des Schranks blieb. Über dem Platz, wo eben noch die Stiefel standen, baumelte an einem Kleiderbügel ein langer Regenmantel. „Jackpot“… schoss es Crowley durch den Kopf, er griff zu und zog ihn heraus, wobei ihm ein dadurch in Bewegung geratener Spaten, der dahinter an die Spindwand gelehnt war, entgegen kippte. Reflexartig schnappte er nach dem wuchtigen Holzgriff und ließ augenblicklich wieder los, als es seinen Finger, seine Hand, seinen Arm und bis hinauf ins Hirn wie einen elektrischen Schlag traf. Rumpelnd landete der rechtwinklige Griff auf dem zementierten Boden. Auf der Rückseite des scharfkantigen  Spatenblatts stand in gestanzten Großbuchstaben der Name des Herstellers, „WILL & BENSON“.

Crowley wischte sich beiläufig das nasse Haar aus dem Gesicht und ging, während er den Mantel überwarf, in die Knie, um noch einmal nach dem Spaten zu greifen. Zurückhaltend streckte er die Finger nach dem Stiel aus. Umso näher er kam, umso mehr hatte er das Gefühl seine Hand in eine Art Feld zu schieben. Die Härchen auf seinem Handrücken stellten sich auf, ein Kribbeln, dass zu einem fast hörbaren Summen anschwoll, wanderte ihm hinauf bis zum Ellenbogen. Nur ein paar Millimeter vor dem glattgeschliffenen Holz hielt er inne. Instinktiv wägte er ab, ob es einen weiteren Schlag wert wäre, zuzugreifen, als ein gellender Schrei die vom Rauschen des Regens unterlegte Stille durchschnitt. Crowley griff zu, sprang auf und jagte in das unwirtliche Wetter hinaus.

Deadman – 1

Dunkelheit. Es beginnt immer mit Dunkelheit. Auch sein Erwachen wurde von undurchdringlicher Finsternis begleitet. Augen zu, Augen auf, es machte keinen Unterschied. Er wollte die Hand heben und krachte ungebremst mit den Fingern gegen Widerstand. Nur ein paar Zentimeter über ihm lag das Ende seiner Bewegungsfreiheit. Verwirrt hob er den Kopf und stieß ihn sich auf selber Höhe.

Holz, eine Holzplatte, eine Kiste? Langsam kroch Panik, erst ganz subtil, dann immer breiter und kräftiger die Barrieren des klaren Denkens durchbrechend,  seine Kehle hinauf, glitt ihm über den Nacken in die Hirnwindungen. „Nicht einfach nur eine Kiste!“ knisterte eine undeutliche Stimme in seinem Kopf. Sein Atem beschleunigte sich. Seine Brust hob und senkte sich in einem heftigen Rhythmus. Er war kurz davor, zu hyperventilieren. Seine Finger begannen zu kribbeln und unter dem Stoff seines Hemds standen die Härchen starr ab und schienen statisch zu knacken. Das spielte der Panik nur noch mehr zu. Das Gefühl der Unbeweglichkeit und Isolation überlagerte alles. Für den Bruchteil einer Sekunde schien die Dunkelheit selbst um ihn herum stofflich, noch dunkler zu werden und ihn wie künstlicher Nebel zu umfließen. Dann wurde es unter ohrenbetäubendem Lärm und schlagartig blendend hell.

Es nieselte leicht, als der Deckel samt einer Wagenladung durchweichter Erde aus dem Boden heraussprengte. Der klaffende Krater vor dem verwitterten Grabstein schwelte kaum sichtbar. Nach dem Lärm, den die niederprasselnden Schlammbrocken und auseinandergerissenen Holzstücke verursachten, rauschte nunmehr nur noch der seichte Regen. Augenblicke lang geschah nichts, doch dann reckte sich eine bleiche, zitternde Hand über den Rand und griff, Halt suchend, in den modrigen Schlamm. Immer wieder rutschte er ab, immer wieder begann er aufs neue den Versuch, sich aus dieser Falle zu befreien.

Zentimeter um Zentimeter hievte er sich schwach und orientierungslos die bröckelnde Steigung hinauf… seine nackten Füße traten in nachgebenden Boden, seine Finger krallten sich an Grasnaben und es dauerte endlos, das er halb blind vor Regen und Panik auf ebener Erde noch etwas mehr Entfernung zwischen sich und das Loch brachte. Dann sackte er keuchend zusammen… Rotz lief ihm aus der Nase und wurde augenblicklich fortgespült. Das wirre Haar hing ihm in durchtränkten, tropfenden  Strähnen über die Augen. Jeder seiner Atemzüge brannte, jeder einzelne Muskel schien seinen Dienst zu verweigern und er kippte einfach nach vorn. Gesicht voran in den morastigen Dreck.

Er konnte nicht lange so gelegen haben, sonst wäre er wohl erstickt, doch als er den Kopf aus dem trüben, flachen Wasser hob, hatte er nicht einmal das Gefühl, nach Atemluft ringen zu müssen. Der Regen tröpfelte weiter halb ersterbend vor sich hin. Langsam begann sein Verstand zu erwachen, Fragen zu stellen. Fragen, die ihn fast augenblicklich wieder verstummen und in Panik fallen ließen. „Was war geschehen?“
„Wo war er?“
„WER war er?“

„Wo?“ war am einfachsten zu beantworten. Ein kurzer schweifender Blick verriet, dass es sich bei den aufragenden Kreuzen, verwitterten Statuen und den unzähligen Granitblöcken nur um einen Friedhof handeln konnte. Er warf den nächsten Blick über die Schulter, auf das elende Loch, dass ihn gefangen gehalten hatte. Auch an dessen Kopfende stand ein abgewetzter durch die „Explosion“ schräg im Schlamm steckender Stein. Aus der kurzen Entfernung und durch die dünnen Strippen Nieselregen war keine der eingemeißelten Eintragungen zu erkennen, weder Name, noch Geburtsdatum und auch das Sterbe… Das Chaos in seinem kopf stoppte an Ort und Stelle. Wie ein riesiges, leuchtendes Ausrufezeichen stand ein Gedanke in der Mitte. „Ich war tot!“

Zumindest schien man ihn für tot gehalten zu haben, immerhin lebte er ja noch, atmete, dachte. Er lief einen Bogen um die Grube, immer darauf bedacht, seine nackten Füße nicht zu nah an die rutschige Schräge zu setzen. Vor dem Stein sank er erneut auf die Knie. Ungläubig starrte er auf die ausgeblichenen, von Wind und Wetter fast vollständig unleserlich gemachten Buchstaben und Zahlen. „C..o..ley…“ging er murmelnd mit den Fingerspitzen die Kerben im Stein nach…“Crowley?…CROWLEY!“ wollte er laut ausrufen, doch bekam nur ein ersticktes Krächzen herausgewürgt.

Crowley. Sein Name war Crowley. Aber mehr war da nicht, keine Erkenntnis. Keine Erinnerung, die ihm diese Wahrheit offenbarte. Dieser Grabstein hätte irgendjemandem gehören können. „Crowley“…atmete er den Namen noch einmal tonlos. Keuchend vor Anstrengung erhob er sich aus dem Morast und entfernte sich, unsicher auf dem Schlamm wankend, wieder von Grube und Stein. Er hob den Kopf in die fein sprühenden Tropfen und sah sich nun etwas genauer um. Hier zu verweilen war nun wirklich keine Option.

Die Silhouette des kleinen Schuppens war durch den Schleier aus mehr stäubender Nässe und dem immer schneller schwindenden Tageslicht kaum auszumachen. Erst als Crowley sich das zweite Mal um die eigene Achse zu drehen begann, fiel er ihm auf. Ohne weiter darüber nachzudenken, stakste er durch den aufgeweichten Rasen und die sporadischen Pfützen. Der kleine Verschlag aus schiefen und zum Teil schon geborstenen Brettern war nicht nur winzig, sondern auch finster. Durch die eingeschlagenen Scheiben des einzigen kleinen Fensters, das neben der Tür von sichtlich ungeschickter Hand, aber passend zum Gesamtwerk eingearbeitet war, sickerte nichts als Dunkelheit.

Deadman – The Lost Chapter

Er wischte sich mit der gesamten Hand  über das Gesicht. Daumen und Zeigfinger verharrten kurz auf den geschlossenen Lidern und drückten so stark zu, dass er bunte Punkte in der dahinter liegenden Schwärze sah. Als er die Augen wieder öffnete, hatte sich an dem Bild nichts geändert. Dieses „Ding“ stand immer noch vor ihm. Wenn man von oben auf sein widerliches Antlitz schaute, konnte man noch die Reste von Danas wunderschönem Gesicht erkennen, dessen zerfetzter Kiefer und an den Wangen weit eingerissener Mund nun die Fratze von… von Nicht-Dana, von Nicht-mehr-Dana, von Un-Dana einrahmte wie ein Helm aus Fleisch. Die Brüste dieser Hülle waren von Armen durchstoßen, wie die Ärmel eines falsch geschnittenen Shirts. Von Armen mit zu vielen Gelenken, viel zu vielen Gelenken.

Die deformierten Extremitäten zappelten unwirklich und ließen ihre klauenbewehrten Finger, die nicht den Eindruck machten , ein gutes Greifwerkzeug abzugeben, durch die Luft schneiden. Die spitzzahnige, lippenlose Fratze sabberte grinsend aus Danas Rachen heraus wie ein Haifisch. Auch Nase und erkennbare Augenlider fehlten. Immer wenn es blinzelte, schienen die Pupillen selbst sich zusammenzuziehen. Damiens blick wanderte tiefer und blieb, getrieben  von großtesker Neugier, gepaart mit unbändiger Abscheu an der aufgerissenen Haut auf Höhe von Danas Knien kleben. Eine der Kniescheiben bauelte lose an einer letzten Sehne und stieß, in Bewegung geraten durch die brechreizerregende Transformation, immer wieder an  die Brocken aus Fleisch, die dem „Ding“ als Füße dienten. Die Unterschenkel der Hülle, denn mehr waren die Überreste seiner Frau nicht mehr, schleiften schlaff und substanzlos über den Teppich und hinterließen eine blutige Spur, die ihn in diesem surealen Augenblick an Eisenbahnschienen, karmesinrote Eisenbahnschienen erinnerte.

Un-Dana gurgelte leise und und Rotz lief ihr (ihm?) aus den Löchern, die in einer weniger herzlosen Welt vielleicht als Nase zu erkennen gewesen wären. Damiens ungläubige Starre löste sich, seine Hand legte sich an den Knauf der Kommode, an die er sich voller Entsetzen mit dem Rücken gepresst hatte. Un-Dana gluckste wieder guttaral und schien die Bewegung nicht bemerkt zu haben. Wie unter Wasser schloss er die um den Knauf gekrümmten Finger und zog die Schublade gerade so weit auf, dass er hineinlangen konnte, ohne dem Ding einen Grund zu geben, ihn anzufallen. Ein oder zwei Ewigkeiten vergingen, ehe seine Hand bis zum Gelenk in der Öffnung steckte. Seine Fingerspitzen tasteten hastig nach der erhofften Rettung. Sie wanderten von links nach rechts durch den Hohlraum. Als er zum dritten Mal an beiden Holzwänden anlangte, war ihm, als setzte sein Herz für mehrere Sekunden aus, noch eine Ewigkeit, bevor es in panischer Hochleistung weiterpumpte.

Dieses Innehalten, hatte die groteske Gestalt wohl registriert. Im Halbdunkel des grauen Vormittags sirrten silbrige Klingen an einem von Knoten und Geschwüren übersäten Arm durch das Zimmer und zerrissen die Front der Kommode. Einen hauchdünnen Moment, nachdem Damien seine Hand samt der Schublade herausriss, sich herumwarf und durch die nun klaffenden Fetzen in die zweite, darunterliegende griff. Bis heute wusste er nicht, warum er sie im Haus hatte. Sein Vater hatte sie ihm geschenkt und so geflissentlich darauf geachtet, dass er den Umgang mit ihr lernte, dass Damien sich gerade fragte, wie er die Schubladen verwechseln konnte. Hunderte Male hatte er sie herausgenommen und wieder hineingelegt. Hunderte Male geprüft, gereinigt, zerlegt und zusammengesetzt. Hunderte Male hatte er es gehasst.

Die Desert Eagle lag schwer in der Hand, als er sich halb rollend, halb fallend an der linken Seite des Dings vorbeiwarf, zielte und wie wild den Abzug betätigte. Sein Sturz wurde von ein paar heftigen Klickgeräuschen begleitet.

Fassungslos prallte er auf die Bisswunde in seiner Schulter. Die Panik war wieder da. „Die Kinder!“ fiel es ihm ein. Dana hatte darauf bestanden, die Kugeln nicht im Haus, sondern im kleinen Gartenschuppen aufzubewahren, wo auch die kleine Axt und der schwere Spaten verstaut waren. Wo auch die Überreste seiner Kinder, oder besser, der Dinger, die vorgegeben haben, seine Kinder zu sein, in großen, blutigen Stücken über den Boden verteilt waren. Er fing wieder an zu weinen.

Durch seine Tränen hindurch sah es aus als würde Dana, SEINE Dana, zwar irgendwie deformiert und humpelnd, aber seine Dana, auf ihn zukommen und die Arme ausbreiten. Er wischte sich das salzige Wasser mit dem Handrücken aus dem Gesicht und hob die leere Waffe erneut. Sie schwankte und zitterte stark in seinen unsicheren Händen. Angst, Trauer und Wut und immer wieder Panik ließen ihn kaum noch einen klaren Gedanken fassen, geschweige denn zielen. Es knackte effektvoll irgendwo in einer Zwischenwelt direkt unter der Haut seines Zeigefingers an der Stelle, wo sie den kalten Stahl des Abzugs berührte. Die Waffe schien dunkler zu werden. Das Glänzen des metallenen Laufs erstarb mit einem weiteren Knacken. Un-Dana schob neugierig die deformierte Visage vor und sog schnüffelnd und röchelnd Luft durch die Atemlöcher. Von jeder Logik befreit, drückte Damien noch einmal ab. Vor seinen Augen wurde alles schwarz. Es war die selbe Sinnestäuschung, wie beim Spaten.

Als sich sein Blick langsam  klärte, nahm er zuerst das Prasseln von Regen wahr. Kein Regen. Blut. Wo der Kopf von Un-Dana war, klaffte nun ein schwelender Geruch nach versengtem, verfaultem Fleisch. Eine versiegende Fontaine aus irgendeiner kräftigen Ader sprühte das Blut des Dings auf den Schlafzimmerteppich.

Die Tage 176 – 203 – Februar 2013

Es ist immer noch kalt. Ich komme immer wieder mit den Tagen durcheinander, aber es müsste jetzt Anfang März sein. Den Februar hindurch habe ich eine beunruhigende Beobachtung gemacht. Bei den immer wieder schwankenden Temperaturen wirken die Untoten bei Minusgraden (ironisch, ich weiß) immer lebhafter. In den tiefen Wintermonaten erstarrten sie noch in kürzester Zeit zu völliger Regungslosigkeit. Jetzt erscheinen sie mir kaum noch langsamer als sonst. Das könnte in Zukunft,  vor allem im kommenden Winter zu einem echten Problem werden.
Jetzt, hier, bei wenigen Grad über Null belagern sie mich, als hätte ihnen das Wetter noch nie etwas ausgemacht. Ich muss unbedingt daran denken, die Barrikaden auszubauen. Sollten in der nächsten Zeit die Rotten wieder zu ihren alten Stärken anwachsen, werden meine „Spaziergänge“ wohl erneut zu „Spießrutenläufen“.

Schon seltsam, was man so alles aushält, ohne einfach zu zerbrechen. Und bei meinem Glück kommt da wohl noch einiges mehr. Denn so vernunftbegabt sich das Tier Mensch doch hält und so sehr man glaubt, aus gemachten Fehlern lernen zu können, so hilflos ist es im Angesicht der Natur seines Wesens und dem Drang nach Erfüllung der mindersten Bedürfnisse.

Vielleicht bin ich auch einfach nur schwach. Oder verflucht, mit allem, dass in dieser Hölle einen Moment der Ablenkung, des Vergessens gewährt, zu scheitern.

Mehr dazu bald. Es nützt nichts, den Sturz zu vermitteln, wenn der Aufprall noch vor uns liegt. Habt Geduld und…

Bleibt am Leben!